„A Most Wanted Man“: Philip Seymour Hoffman sagt leise auf Wiedersehen

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„A Most Wanted Man“: Philip Seymour Hoffman sagt leise auf Wiedersehen

Es sollte sein letzter Film in einer Hauptrolle werden: "A Most Wanted Man". Philip Seymour Hoffman verabschiedet sich mit einem ruhigen Agenten-Thriller von seinen zahlreichen Fans. Wo das Leiden der Filmfigur nur gespielt und wo es wahrhaftig ist, ist nicht zu erkennen.

Kaum zu glauben, aber der tragische Drogentod von Hollywood-Mime Philip Seymour Hoffman ist bereits über sechs Monate her. Anfang des Jahres konnte noch keiner ahnen, dass die Verfilmung der Buchvorlage „Marionetten“ von John le Carré sein letzter Film in einer Hauptrolle werden sollte. Zwar wird Hoffman auch noch in den Fortsetzungen von „Die Tribute von Panem“ zu sehen sein, den endgültigen Abschied scheint er aber bereits mit „A Most Wanted Man“ zu geben. Nicht actiongeladen und bombastisch, sondern still und leise, unspektakulär, und doch ergreifend.

Die erste Regel: Traue niemandem

Die Terror-Anschläge des 11. Septembers wirken auch über ein Jahrzehnt später noch nach. Deutsche Geheimdienste versäumten es, Mohammed Atta und seine Terrorzelle frühzeitig ausfindig zu machen, die Folgen sind bekannt. Damit ein Anschlag wie auf das World Trade Center in New York nie wieder geschehen kann, wird eine halboffizielle Spionageeinheit in Deutschland gegründet, die rigoros gegen potentielle Gefahren vorgehen soll. Strippenzieher der Organisation ist der geniale wie einsame Günther Bachmann (Hoffman), der sein Leben der Terror-Bekämpfung gewidmet hat.

Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) wird zum meistgesuchten Mann der Republik

Foto:Senator Film

Ins Fadenkreuz seiner Ermittlungen rückt ein mysteriöser Flüchtling, der plötzlich in Hamburg auftaucht. Halb Russe, halb Tschetschene, gibt der aus unheimlicher Folter entflohene Issa Karpov (Grigoriy Dobrygin) dem ebenfalls vom Leben gezeichneten Bachmann Rätsel auf. Als Karpov schließlich Kontakt mit der islamischen Gemeinde aufnimmt, schrillen sowohl beim deutschen, als auch beim US-Geheimdienst die Alarmglocken. Die Befürchtung: Der Flüchtling will das immense Erbe, das ihm sein verstorbener Vater hinterlassen hat, einer Terrorgruppe zur Finanzierung weiterer Anschläge überlassen. Nur die idealistische Anwältin Annabel Richter (Rachel McAdams, 35) scheint dem meistgesuchten Mann der Welt daraufhin beizustehen.

Ein Film mit doppelter Relevanz

Den Film als „One Man Show“ von Hofmann zu bezeichnen, würde Regisseur Anton Corbijn und dem restlichen Cast nicht gerecht. Dennoch ist es gerade das Wissen über den Tod des Schauspielers, welches den Film in ein besonderes Licht rückt. Hofmanns Charakter lebt ungesund, atmet bei den geringsten Anstrengungen schwer, wirkt verlebt. Unmöglich scheint es bisweilen, Realität von Schauspielkunst zu differenzieren. Das macht Hoffmans Darbietung zwar umso glaubhafter, lässt den Zuschauer aber immer wieder aus der Filmwelt gleiten und über das Schicksal des Schauspielers grübeln. Die Geschichte des Schauspielers interessiert beim Betrachten teils mehr, als die der Figur, die Hoffman verkörpert.

Günther Bachmann (Philip Seymour Hoffman) und seine Mitarbeiter Niki (Vicky Krieps) und Maximilian (Daniel Brühl)

Foto:Senator Film

Relevant ist „A Most Wanted Man“ auch hinsichtlich der jüngsten Abhörskandale der NSA. Konnte zu Drehbeginn des Films noch nicht mit einer derartigen Spionage der US-Geheimdienste gegen deutsche Behörden gerechnet werden, wirkt Corbijns Streifen im Nachhinein beinahe wie eine Prophezeiung: Ständig hintergehen sich die eigentlich kooperierenden Behörden in „A Most Wanted Man“. Die US-Seite misstraut den Deutschen, ähnlich argwöhnisch stehen die deutschen Agenten der CIA gegenüber. Wem kann man noch vertrauen? Diese Frage zieht sich durch den gesamten Film und lässt am Ende nur Antwort zu: niemandem.

Im Stile anderer Verfilmungen von Carré-Büchern

Wer bei „A Most Wanted Man“ auf Agenten-Action à la Jason Bourne wartet, wird hoffnungslos enttäuscht aus dem Kino kommen. Ähnlich wie „Dame König As Spion“ und „Der ewige Gärtner“ fokussiert sich Corbijn auf die zwischenmenschlichen Beziehungen, oder im Fall von Bachmann auf das Fehlen solcher. Es ist die Charakterstudie eines in vielerlei Hinsicht gebrochenen Mannes, der ironischer Weise nur noch in dem Beruf aufzugehen scheint, der ihn früher oder später endgültig dahinraffen wird. Hoffmans Darbietung ist tadellos und rührend, unspektakulär und gerade deshalb ungemein fesselnd. Nicht mit einem Knall verabschiedet er sich von seinen Fans, sondern still und leise.

Wenn ein Mann derart im Fokus steht, haben es die Kollegen selbstredend schwer. Dobrygin als rätselhafter Flüchtling kann noch halbwegs neben Hoffman bestehen, anderen gelingt das dagegen nicht so gut: Willem Dafoe (59) als Bankchef wirkt unterfordert, Daniel Brühl (36), der in „Rush – Alles für den Sieg“ sein Schauspieltalent international unter Beweis stellen durfte, gar komplett verschenkt. Zumeist sitzt er nur vor einem Computermonitor und sagt nichts. Das hat ein Darsteller seines Schlags eigentlich nicht verdient. Auch Rachel McAdams wird nur wenig Möglichkeit gegeben, sich auszuzeichnen. Besser hat es da schon Nina Hoss (39): Die Deutsche mimt Hoffmans engste Vertraute und ist damit so etwas wie sein letzter Anker zur sozialen Welt.

Synchronisation und Story-Verlauf

Zwei nicht wirklich gelungene Punkte sollten nicht unerwähnt bleiben. Zum einen wirkt die deutsche Lokalisation an vielen Stellen nicht sattelfest. Das liegt aber weniger an den Sprechern, als an der oftmals fehlenden Lippen-Synchronität. Wie wichtig diese aber für den Filmgenuss ist, fällt vor allem in ernsten und dramatischen Szenen auf. So scheitern intensive Momente daran, dass sich Sprache und Lippenbewegung partout nicht decken wollen – das verschenkt extrem viel Potenzial.

Auch der Story-Verlauf gestaltet sich holprig. Der Film hat mit einigen Längen zu kämpfen, eine Kürzung der 123 Minuten Laufzeit hätte „A Most Wanted Man“ gut zu Gesicht gestanden. Zwar hat der Film gar nicht den Anspruch, den Zuschauer rapide durch die Handlung zu führen. Die Behäbigkeit ist sicherlich auch ein Stilmittel, um die Sisyphos-Arbeit moderner Geheimdienste darzustellen. Nur hätte man dieses Gefühl sicherlich auch in 100 Minuten erzeugen können, ohne storyrelevante Punkte zu vernachlässigen.

Fazit:

„A Most Wanted Man“ ist kein Film für Adrenalin-Junkies und Fans actionlastiger Verfolgungsjagden. Wie bei anderen Adaptionen der Werke von le Carré stehen Einblicke in die Psyche der Charaktere im Fokus. „Er war ein Riese von einem Mann“, sagte Regisseur Corbijn über den verstorbenen Hoffman. In seiner letzten Hauptrolle konnte der Schauspieler das noch einmal eindrucksvoll unter Beweis stellen. Regelrecht zu verschwimmen scheinen die echten Leiden des Darstellers und der Filmfigur an manchen Stellen der Erzählung, die bisweilen aber etwas langatmig daherkommt. Sehenswert ist Hoffmans Abschied von der Leinwand allemal.